La Bibliothèque

„Seit meiner Kindheit wollte ich eine bibliothèque haben“, sagt Assietou Kamara. Tatsächlich handelt es sich um einen Schrank mit einer Vitrine. Einen vernakulären Begriff gibt es dafür nicht, denn Gegenstand wie Begriff sind koloniales Erbe.

Assietou stammt aus Dissoumana, einem Stadtteil von Siby. Sie wurde 2001 als Älteste von vier Schwestern geboren. Und ging sieben Jahre lang zur Schule. Als Assietou vierzehn Jahre alt war wurde sie verheiratet und ist heute Mutter einer Tochter von fünf Jahren. 

Ihr Ehemann, Bamba Konaté, dreißig Jahre alt, gehört zu einer der alt eingesessenen Familien des Dorfes Kalassa, gleich neben Siby. Von  Beruf ist er Maurer. Seit 2017, zwei Jahre nach ihrer Heirat, arbeitet er in Algerien und kommt jedes zweite Jahr für drei Monate nach Hause.  „Wir telefonieren jeden Abend.“

Stolze Besitzerin einer bibliothèque ist Assietou seit drei Jahren; und zwar einer echten, mit Glasscheiben. So eine, sagt sie, hat sonst niemand im Dorf. Andere Frauen haben höchstens einen Schrank (ohne Glas). Ihre Schüsseln, Teller und Schalen können sie nur oben drauf zur Schau stellen. „Meine bibliothèque hat mir meine Mutter geschenkt. Bei einer anderen Frau hatte sie eine ähnliche gesehen.“ Ihre Ausstellungsstücke hat Assietou nach und nach gekauft. 

Auf dem Platz vor dem Dorf hat Assietou einen viele Meter langen Stapel Brennholz aufgeschichtet. Das hat sie mit ihren Schwestern zwei Wochen lang auf den Hügeln hinter Dissoumana gesammelt und per Eselskarren nach Kalassa transportieren lassen. Genug Feuerholz für ein ganzes Jahr. 

La Bibliothèque
La Bibliothèque

72 / Februar 2022